

Eine aktuelle Langzeitstudie der Pädagogischen Hochschule Solothurn zeigt, dass bis zu 50 Prozent der schulischen Leistung eines Kindes von den Erwartungen und dem Verhalten der Eltern beeinflusst sind. Die Art, wie Lehrpersonen unterrichten, wirkt sich hingegen nur zu 10 Prozent auf die Leistung des Kindes aus. Kinder wenig engagierter Eltern haben erhebliche Nachteile. Politiker fordern eine möglichst frühe Einschulung um die ungleichen Bildungschancen auszugleichen und um der in der Bundesverfassung verankerten Forderung nach Chancengleichheit nachzukommen.1
Wie entscheidend das elterliche Engagement für den Schulerfolg sein kann, sahen wir, als vor zweieinhalb Jahren unsere Tochter nach der Primarschule ins Gymnasium wechselte. Ohne unsere Unterstützung hätte sie den Anforderungen nicht standhalten können. Dieser Aufwand hat sich neben der Beziehungspflege gelohnt: Unsere Tochter meistert heute das Gymnasium selbstständig.
Gibt es dann überhaupt eine Chancengleichheit? Der Begriff Chance beinhaltet eine gewisse Wahrscheinlichkeit, mit der ein günstiges Ereignis eintrifft. Ein Hundertmeterlauf ist nur sinnvoll, wenn alle daran Beteiligten die Chance haben, zu gewinnen. Bei dieser Chancengleichheit braucht es auch ein gewisses Maß an Ungleichheit. Wenn alle gleichzeitig über die Ziellinie rennen würden, hätte der zugrunde liegende Wettbewerb wenig Sinn. Wir wünschen uns grundsätzlich Chancengleichheit, doch wenn wir im Leben bei einer Herausforderung im Vorteil sind, wird diese Gelegenheit ausgenutzt, um andere zu übervorteilen. Schon Kinder wissen bei einem bevorstehenden Wettkampf abzuschätzen, wie groß die Wahrscheinlichkeit zu reüssieren ist, und verhalten sich dementsprechend.
Unser Leben richten wir danach aus, dass die Chancen auf Erfolg möglichst hoch sind. Optimale Aus- und Weiterbildung, eine sorgfältige Karriereplanung sowie der Kontakt zu Menschen, die sich an Schlüsselpositionen befinden, erhöhen die Erfolgschancen. Viele Berufsbranchen sind ständigen Veränderungen ausgesetzt. Um am Ball zu bleiben, sind Weiterbildungen unumgänglich. Unsere Kinder lassen wir Frühförderkurse besuchen, damit sie möglichst die beste Ausgangslage für die spätere Berufsausbildung haben. Auf der anderen Seite versuchen wir, das Risiko, als Antonym von Chance, durch Absicherungen einzuschränken und klein zu halten. Wie aber geht es weiter, wenn das Leben anders spielt und Unvorhergesehenes sich in den Weg stellt? Wird dann die Krise zur Chance?
Meine Eltern waren beide Berufsmusiker. In einer der letzten Ausgaben dieser Zeitschrift erwähnte ich schon, dass mein Vater kurz vor meiner Geburt starb. So musste meine Mutter mit Unterrichten den Lebensunterhalt verdienen. Oft unterrichtete sie zuhause, wo eine dünne Glastür mich von meiner Mutter trennte. Als Kind spielte ich viel und gerne im Freien, und doch erinnere ich mich lebhaft an diese Zeit zurück, als diese Cello-Klänge aus dem Zimmer nebenan in mein Ohr drangen. Umgeben von Musik lehnte ich mich doch dagegen auf. Sie wurde zur Konkurrenz und hielt mich von meiner Mutter fern.
Als junger Erwachsener bereute ich diese Ablehnung. Der Nachholbedarf war groß. Nach einer Ausbildung als Physiotherapeut bereitete ich mich dann vier Jahre lang auf ein Musikstudium vor und übte mit viel Disziplin den ganzen Tag. Trotzdem erhielt ich danach eine Absage der Jazzschule, was mich hart traf. Eine Welt fiel für mich zusammen. Zum Geldverdienen arbeitete ich zwischenzeitlich als Geschäftsführer in einem Jugend- und Kulturhaus mit ungefähr zwölf Angestellten. Anstatt mit Tonleitern setzte ich mich mit Buchhaltung und Finanzplanung auseinander. Das Wissen erwarb ich mir aus Büchern meines WG-Mitbewohners, der Volkswirtschaft studierte. Das autodidaktische Lernen und die Selbstdisziplin hatte ich mir unterdessen angeeignet.
Zwei Jahre später lernte ich an einem Seminar einen Grafiker kennen. Als Quereinsteiger erhielt ich ein paar Monate später bei ihm eine Anstellung als Grafiker. Was ich früher hobbymäßig getan hatte, füllte plötzlich meinen Berufsalltag aus. Dass ich heute mit demselben Grafiker die Firma teile, rundet diesen etwas ungewöhnlichen und nicht voraussehbaren Werdegang ab. Planen hätte sich dies jedenfalls nicht lassen können. Die Musik ist nach wie vor ein Bestandteil von mir, nur bin ich froh, dass ich mit ihr nicht den Lebensunterhalt unserer sechsköpfigen Familie verdienen muss.
Es gibt kein Leben ohne Verletzungen. Wir tragen alle seelische Wunden mit uns herum. Sie sind Teil unserer Geschichte. Meine zuvor erwähnte Vaterlosigkeit prägte beispielsweise unter anderem meine Jugendjahre und hat ihre Auswirkungen bis zum heutigen Tag. Durch die fehlende väterliche Bestätigung ist meine Selbstsicherheit manchmal etwas labil, und ich reagiere sensibel auf Rückmeldungen anderer Menschen. Es bereitet mir Mühe, meine Rechte und Bedürfnisse anzumelden und Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen. Aber das Verstehen meiner Lebensgeschichte hilft mir, mein Verhalten und meine Motive besser einzuordnen und sie mir bei Herausforderungen ins Bewusstsein zu rufen. Denn das Leben bietet genug Herausforderungen, die Lebensmuster nicht nur zu verstehen, sondern auch im Alltag an den eigenen Grenzen zu arbeiten und den Stärken sowie Begabungen Raum zu schaffen.
Der Apostel Paulus erkannte, dass er in Schwachheit stark ist.2 Es scheint ein göttliches Prinzip zu sein, dass aus Scheitern und Versagen Neues entstehen kann. Da wuchs das Wunschkind Josef, von seinen Eltern bevorzugt und verhätschelt, heran und nährte durch sein unkluges Verhalten die Eifersucht seiner Brüder, bis er schließlich von ihnen nach Ägypten verkauft wurde. Die Frau des Pharaos fand Gefallen am schönen jungen Mann, wollte ihn verführen, blitzte ab und verklagte ihn zu Unrecht, um sich zu rächen, indem sie den Vorfall als Übergriff von ihm hinstellte. Josef landete für Jahre im Gefängnis. Seine Gabe, Träume zu deuten, und seine Weitsicht verhalfen ihm jedoch später zum Aufstieg. Der Pharao ernannte ihn zum obersten Verwalter und zu seinem Stellvertreter. Der Hirtenjunge David wurde als jüngstes Kind von seinem Vater nicht sehr beachtet. Sein Mut und seine Unerschrockenheit verhalfen ihm zwar an den königlichen Hof, erregten aber beim König Neid, so dass David vor ihm fliehen musste und dem Tod nur knapp entkam. Nachdem König David eine fremde Frau schwängerte und seine Vertuschungsmanöver aufflogen, zerbrach er innerlich vollends. Doch die spätere Ehe mit dieser Frau brachte den Sohn Salomo hervor, unter dessen Herrschaft Israel 70 Jahre in Frieden lebte.
Das Sprichwort »Der Mensch denkt, Gott lenkt«3, welches den Sprüchen von Salomo entnommen und gekürzt wurde, impliziert doch auch, dass wir trotz allen Planens und Vorsehens unser Dasein letztendlich nicht im Griff haben. Manchmal nimmt das Leben, entgegen unseren Vorstellungen, einen anderen Lauf. Was vordergründig nach Niederlage und Untergang aussieht, kann sich nach überstandenem ‘Kampf’ als Chance und Wendepunkt entpuppen. In unseren Schwächen können sich Stärken verbergen.
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1 Tagesanzeiger, 23.10.2009
2 Nach 2. Korintherbrief, Kapitel 12, Sätze 9 u. 10
3 Nach Sprüche, Kapitel 16, Satz 9 (Ein Mensch kann seinen Weg planen, seine Schritte aber lenkt der Herr)

CH-Wädenswil
ist verheiratet mit Lela Jungck, hat vier Kinder, ist auf der Suche nach mehr Wohnraum, mag die Reduktion auf das Wesentliche und logische Gedankengänge. Arbeitet als Grafiker und Fotograf und ist manchmal gerne etwas frech