

»Du musst nur ein wenig gelassener werden …« ist einer der RAT-Schläge, die mich seit langem begleiten. Ratschläge, die mich im wahrsten Sinne des Wortes erschlagen. Gut gemeinte Tipps und Lösungsvorschläge. Nein, ich bin nicht gelassen. Ich habe aus meiner persönlichen Geschichte heraus kein URVertrauen. Bei meiner Suche nach Gelassenheit begegnete ich vielen ‘Rat-schlägen’, die ich im Alltag nie wirklich anwenden konnte.
Einen Weg finden, sich bewusst zu werden, dass es zwar auf uns ankommt, aber nicht allein von uns abhängt – das nenne ich ‘engagierte Gelassenheit’. Ich nehme dabei mein Zeitgefühl der Hektik und Unruhe ernst. Engagierte Gelassenheit … im Hier und Jetzt.
Als Schauspielerin bin ich selbst mittendrin in der Spannung, zwischen Getriebenwerden und dem Ziel, mehr aus meiner inneren Mitte heraus zu leben. Aus dieser spannenden Gratwanderung entstand meine CD »Erstmal gelassen!« Sie ist das Ergebnis meiner eigenen Suche, Ausdruck meiner eigenen Sehnsucht nach Gelassenheit.
Es gibt vieles, was mich beängstigt. Vieles, mit dem ich mich nicht abfinden will. Ich bin ein aktiver, engagierter Mensch, der sich nicht gerne mit Ungerechtigkeiten abfindet. Im Wort ‘gelassen’ steckt das Wort ‘lassen’. Ich kann aber nur etwas lassen, was ich zuerst bewusst ‘wahr-genommen’ habe. Ein Gefühl kann ich nur lassen, wenn ich dieses Gefühl zu allererst wahrnehme. Erst dann kann ich es auch wieder lassen.
Es braucht Alltagsrituale, damit das Herz zur Ruhe kommt. Rituale, die mir helfen, hineinzuwachsen ins Ur-Vertrauen. Ich suche Formen der lebensbejahenden Spiritualität, die mich heilend, befreiend beleben.
Kennen Sie den unbändigen Wunsch, alles erledigen zu wollen, alles schaffen zu wollen? Zeit zu sparen, sich zu beeilen, sich unter Druck setzen, sich hetzen, sich knechten. Warum haben wir ein schlechtes Gewissen, wenn wir uns entspannen? Ich gehöre ursprünglich zur Spezies ‘Leistungstochter’. Das sind Töchter, die nie Anerkennung von ihren Eltern erhalten haben und schon als Kind beginnen, durch Leistung um Liebe zu kämpfen. Es gibt auch ebenso viele Leistungssöhne.
Mein ganzes Leben war geprägt von herausragenden Leistungen. Den ersten Bruch in dieser ungesunden Biografie erhielt ich durch Erich Fromm’s »Haben oder Sein«. Da war ich gerade 15, aber auch Victor Frankl ließ mich seitdem nicht mehr los. Der zweite große Schritt war meine Hinwendung zu Jesus Christus mit 19 – ein Schritt vom Haben zum Sein. Am Theater, vor allem an großen Staatstheatern kommt man natürlich nicht umhin, sich mit dem Thema Stress auseinanderzusetzen. Es geht darum, jeden Abend vor 5000 gut zahlenden Zusehern Höchstleistung zu vollbringen. Durch meine drei Darmoperationen im Laufe meiner steilen Karriere war ich gezwungen, auch dieses Lebensprinzip zu hinterfragen.
In diesen Zeiten war es mir eine Hilfe, die Brachzeit in der Natur zu sehen: Gottes Schöpfung ist durchwoben mit Rhythmen: Tag und Nacht, Sommer und Winter, Arbeitstag und Ruhetag.
Was Gott in seiner Schöpfung als Ordnung festgelegt hat, soll uns zum Segen werden.
Die wichtigste Voraussetzung zur Gelassenheit ist die gesunde Distanz. Je mehr ich gefordert bin, desto mehr brauche ich eine gesunde Distanz zu den Ereignissen. Je mehr ich an meine Grenzen komme, desto mehr brauche ich den Abstand. Mir hilft in solchen Momenten, die Nähe zur Schöpfung zu suchen. Einmal auf Distanz gehen zur gewohnten Umgebung kann helfen. Ich kann mich lösen von den Spannungen – einen Moment lang ausspannen. Wenn immer es mir in solchen Momenten möglich ist, laufe ich in die Natur. Nein, ich laufe den Problemen nicht davon, aber ich schaffe mir selbst die Möglichkeit des Auftankens. Die Natur ermutigt mich in Zeiten hoher Belastung, mir erst recht Oasen des Rückzugs zu schaffen. In zunehmender Belastung schaffe ich mir selbst innere und äußere Distanzräume zum Alltag.
Im Laufen kann ich die Signale des Körpers ernst nehmen, Distanz zu den Ereignissen bekommen. Im achtsamen Umgang sein mit meinem Körper, im Spazieren, Joggen, Schwimmen, Radfahren… Im Gehen atme ich aus, ich lasse los. Im Gehen atme ich ein – ich atme das Ja Gottes zu mir ein. Gott sagt Ja zu mir. In Zeiten voller Spannung finde ich Augenblicke des Aufatmens, des bewussten Ein- und Ausatmens.
- Gelassen der Mensch, der sich Bewegung in der Schöpfung gönnt.
- Gelassen der Mensch, der der Hetze Widerstand leistet.
- Gelassen der Mensch, der mitten in der Hektik aussteigt.
Zur Zeit Jesu lebten die Menschen in einem ausgewogenen Rhythmus von Arbeit und Ruhe. So wie Gott am 7. Tag von seinen Werken, seiner Schöpfung, ruhte, so ruhten die Menschen am
Sabbat. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts blieb dieser Rhythmus erhalten, heute fehlt er überwiegend. Dadurch haben wir auch Ruhe und schöpferische Pausen verloren. Durch den Verlust der Ruhe geht auch etwas von unserer Basis verloren. Hektik macht uns das Leben schwer. Gott aber lädt uns zur Stille ein.
Wenn wir wieder zu diesem Rhythmus zurückkehren, wird unser Leben gehaltvoller. Wir finden zu einem Lebensstil zurück, der der biblischen Würde des Menschen entspricht.
Nötig ist hier die bewusste Reduzierung unseres Lebenstempos.
Gerade weil ich kein ‘stiller Mensch’ bin, sind mir Zeiten der Stille wichtig. Jesus sagte zu seinen Jüngern: »Geht ihr allein an einen einsamen Ort und ruht aus, erholt euch ein wenig.« Ich gönne mir eine Ruhepause. Ich opfere nicht die Zeit, sondern ich gönne mir Entspannung. Ich regeneriere dadurch den gesamten Organismus. Wesentlich ist, dass mein Leben wieder rhythmischer wird, damit ich Ruhe und Entspannung finde.
Entspannung und Lösung körperlicher Verspannungen kommen nicht von selbst. Entspannung ist nicht per Knopfdruck verfügbar. Meditation und Stille kommen nicht von alleine zu uns. Wir müssen diesen Zustand wieder ganz neu suchen und erlernen.
Ich denke, dass jeder Mensch da seinen ureigenen Weg finden muss. Dennoch gibt es enorme Hilfe von außen. Für mich sind das zum Beispiel regelmäßige Exerzitientage. Aber auch Entspannungs-, Körper- und Atemübungen im Alltag. Sie meinen auch, Sie hätten die Zeit nicht dazu? Gegenfrage: Was ist Leben? Was ist Sein? Wozu sind Sie hier? Wie sind Sie hier?
Entspannung vermindert die Zeit nicht, sondern vermehrt sie. Wer sich entspannt, gewinnt einen ruhigen, entspannten Geist. Wenn ich meine täglichen Spaziergänge genieße, dann auch, weil ich dabei Gott mein Innerstes öffne – auch den Ort, wo die Angst sitzt. Ich darf die Angst an Gott abgeben. Ich will sie nicht behalten, nicht festhalten. Ich gebe ihr keinen Sitz und kein Stimmrecht. Ich darf die Angst hinaus atmen, loslassen. Stück für Stück. Jesus nimmt sie auf sich, nimmt sie mir ab. Jesus hat die Angst der Welt getragen.
Bei Gott muss ich nicht in Bedrängnis bleiben – ich darf aufatmen. Ich darf mich in die Hände meines Erlösers fallen lassen. Wie das geht? Wenn Sie Ihre Angst jetzt spüren, dann dürfen Sie mit ihm darüber sprechen. Sie können sie jetzt zu Gott bringen.
Sagen Sie einfach: »Oh Herr, nimm mir die Angst! Lass mich nicht auf das Problem sehen! Lass mich nur auf dich sehen! Lass mich diese Sache in deine Hand legen! Kämpfe du für mich! Lass mich an deiner Brust ruhen! Gib mir deinen Frieden!« Stellen Sie sich vor, wie Sie alles, was Sie belastet, buchstäblich an ihn abgeben. Alles, was auf Ihren Schultern lastet, nehmen Sie und geben es in die Hand Gottes.
Oft wenn mich, auch vor einem Auftritt, die Angst überfällt, dann sage ich: ‘Der Herr ist hier an diesem Ort.’ Oft denke ich: ‘Gott hat mir dieses Publikum geschenkt, anvertraut; er kann sie segnen.’ Das heißt aber nicht, dass ich kein Lampenfieber mehr hätte.
Gott ist auf meiner Seite – ich muss ihn nicht erst umstimmen. »Er hat Freude an dir; er droht dir nicht mehr, denn er liebt dich. Er jubelt laut, wenn er dich sieht.«1
Bei all meinen Entspannungsübungen möchte ich auch nicht den Urgrund vergessen, warum ich mich entspannen kann. Wir entspannen uns in der Gnade Gottes, die wir nicht verdienen können. Ich werde ohne eigenes Verdienst, nur aus Gnade, vor Gott gerecht gemacht. Gott möchte uns eine Ruhe schenken, die wir nicht verdienen müssen. – Es ist eine Ruhe, die nicht erkämpft werden muss, zu der keine Leistung, kein Stress erforderlich ist. Sie ist bereits vorhanden.
Die einzige Voraussetzung ist, dieses Angebot anzunehmen. Nehmen wir uns Zeit, von unseren Werken zu ruhen, so wie Gott von seinen Werken ruhte! Jesus lädt ein: »Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.«2
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»Erstmal gelassen!« CD5207110, cap-music
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1 Zefania, Kapitel 3, Satz 17
2 Matthäus, Kapitel 11, Sätze 28 - 29

studierte Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar, der staatlichen Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien, außerdem Literatur an der Universität Sorbonne, Paris, und hat eine abgeschlossene biblisch-theologische Ausbildung. Zehn Jahre lang war sie Ensemble-Mitglied des Wiener Burgtheaters und u.a. bei den Salzburger Festspielen und bei den Wiener Festwochen engagiert. Seit 1997 arbeitet Eva-Maria Admiral als freie Schauspielerin und ist mit Soloprogrammen in Österreich, Deutschland und der Schweiz unterwegs. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und zahlreiche DVDs sowie CDs produziert.
• Preis als beste Nachwuchsschauspielerin, Wien 1988
• Begabtenstipendium der Akademie Solitude, Stuttgart 1999
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